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Leseprobe: Das fliegende Gebiss |
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Ratzekahl Die beiden Flieger genossen ihre Freiheit in vollen Zügen. Sie flogen über Baumwipfel und pfiffen vor Freude laut durch ihre Zähne. Die Vögel schauten ganz verdutzt, einige fielen sogar vor lauter Staunen über die sonderbaren Flugkörper von den Nestern hinunter. Schon vieles hatten sie fliegen gesehen: Untertassen, Obertassen, mehrköpfige, feuerspeiende Drachen, Hexen auf ihren Besen, gute und weniger gute Geister, aber ganz gewöhnliche Gebisse, die fliegen konnten, waren ihnen noch nie begegnet.
Murmeltiere suchten Deckung, einen Raubvogel erwartend, um dann ebenfalls staunend mit großen, glänzenden Augen aus ihren Löchern hinauszugucken. Hunde bellten, ja heulten wie Hyänen bei Vollmond. Doch nicht mal das konnte die beiden fliegenden Glückspilze aus der Ruhe bringen. Sie waren so glücklich, hier oben in dieser unendlichen Freiheit. Vergessen waren Gläser, Schachteln, geschlossene, ewig feuchte Wohnungen namens Menschenmund, in denen sie jahrelang eingesperrt gewesen waren. Es störte sie auch nicht, dass durch die Straßen Ambulanzen mit Blaulicht und Martinshorn fegten. Viele Menschen berichteten, dass fliegende Gebisse am Himmel unterwegs seien. Die Notfall Nummer klingelte pausenlos. Am Fernsehen erschien bereits die erste Wahrsagerin, die fliegende Gebisse für den nahen Weltuntergang deutete. „Heulen und Zähneknirschen sind eindeutige Vorboten, dass es mit unserem Planeten zu Ende geht", orakelte sie, mit ihren Kulleraugen in eine gläserne Kugel hineinstarrend. Dass das Heulen von ganz gewöhnlichen Hunden und das Zähneknirschen Von zugegeben etwas außergewöhnlichen Fliegenden Gebissen kamen, interessierte niemanden. Man erwartete das Schlimmste. Ein weltberühmter Psychiater analysierte die seltsamen Beobachtungen als reine Wahnvorstellungen, bis er zufällig die beiden Flieger selbst am Himmel erblickte. Seitdem litt er unter einer furchtbaren Zahnprothesenphobie und klapperte lauter mit seinen gesunden Zähnen als jedes künstliche Gebiss. Das alles kümmerte unsere Zwei durch die Gegend fliegenden, über alle Zähne verliebten Gebisse überhaupt nicht. Selbst ein Weltuntergang hätte sie nicht aus Ihren Tagträumen wecken können. Das Fliegen, sich frei wie ein Vogel durch die Lüfte bewegen zu können, machte sie unendlich glücklich. Trotzdem ging, wie alle schönen Träume, auch dieser viel zu schnell vorbei. Sie wurden von einem hellen Licht magisch angezogen. Es waren die hell erleuchteten Fenster eines Altersheims , ruhig und einsam außerhalb der Stadt gelegen. ** Vielen Dank an den Autor Peter Beeler für das Recht, diese Leseprobe hier veröffentlichen zu dürfen. Hier geht es zur Homepage des Autors für weitere Leseproben. |